Peter Dieter
(Dresden)
Das
Medizinstudium in Deutschland war theorielastig und zu wenig praxisorientiert.
Um dieses zu ändern, hat die Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus der TU
Dresden das Reformcurriculum DIPOL®
(Dresdner Integratives Problem/Praxis/Patienten Orientiertes Lernen) in alle
sechs Jahre des Medizinstudiums und für alle Studierende eingeführt. DIPOL®
ist ein Hybridcurriculum und vereint traditionelle (Vorlesungen) mit neuen
(POL) Lehrelementen. Die Implementierung von DIPOL® bedingt auch
Veränderungen in der Fakultät, dem Universitätsklinikum und dem
Bibliothekswesen: ein erhöhter Bedarf an Kleingruppenräumen, PC-Arbeitsplätzen,
Lehrenden, Büchern, Patienten und verlängerte Öffnungszeiten der Bibliothek.
Medical education in Germany had too many
elements of theory and too little contact of the students with patients.
Therefore, the medical faculty Carl Gustav Carus, TU Dresden, has implemented
the reform-curriculum DIPOL® (Dresden Integrative
Problem/Praxis/Patient Oriented Learning) into all six years of the study and
for all students. DIPOL® is a hybrid curriculum, consisting of
traditional (lectures) and new (PBL) elements. The implementation of DIPOL®
implies also changes of the faculty, clinic and library: an increased
requirement for tutorial rooms, PC-stations, teachers, books, patients and
extended opening hours for the library.
In den letzten Jahren haben einige der Medizinischen Fakultäten in
Deutschland angefangen, die Ausbildung der Studierenden zu reformieren. Das
traditionelle Curriculum war zu theorielastig und zu wenig praxisorientiert. An
der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden wurde 1999
begonnen, das Medizinstudium zu reformieren. In enger Kooperation mit der
Harvard Medical School in Boston/USA wurde „PBL (Problem-Based Learning)“
sukzessive in das Medizinstudium integriert. Ab dem Wintersemester 2003/04 sind
alle 6 Studienjahre reformiert und das Reformcurriculum DIPOL® wird
für alle Studierende in allen Studienjahren angeboten. Damit unterscheidet sich
Dresden von anderen Fakultäten, die im Rahmen eines Modellstudienganges ein
Reformcurriculum für einen Teil ihrer Studierenden anbieten.
Wodurch unterscheidet sich DIPOL® vom traditionellen Curriculum?
Dies wird am besten in Abb. 1 verdeutlicht. Während das traditionelle
Curriculum Lehrer- und Fakten- orientiert war, ist DIPOL® Studenten-
orientiert und integrativ-interdisziplinär ausgerichtet. Weiterhin sind im
Reformcurriculum DIPOL® die Vorlesungen reduziert und dafür der
Kleingruppenunterricht (Tutorium) und der Unterricht am Krankenbett (Patienten)
erhöht (Abb. 2). Die Gesamtunterrichtsstunden („Study Load“) sind in DIPOL®
reduziert und die Studierenden haben mehr Zeit für ihr Selbststudium (Abb. 2).
Zentrales Element im Reformcurriculum ist der Kleingruppenunterricht (Abb.3).
In diesen Tutorien sollen 8 Studierende anhand eines authentischen Modellfalles
(Thema der Woche) Anamnese, Diagnose und Therapie üben und sich die dafür
notwendigen Informationen selbst erarbeiten. Sie werden dafür von einem
ausgebildeten Tutor unterstützt, der ihnen nicht die Fakten präsentiert,
sondern als eine Art Faszilator ihnen bei dem Weg hilft, sich diese
Informationen zu beschaffen. Diese Tutoren werden an unserer Fakultät speziell
für diese Aufgaben in eigenen Trainingsprogrammen ausgebildet. Bis heute haben
fast 400 Mitarbeiter solche Trainingskurse erfolgreich abgeschlossen. Parallel
zu den Tutoren finden Vorlesungen, Seminare, Kurse, Praktika und Unterricht am
Krankenbett (Patienten) statt. DIPOL®
ist ein Hybridcurriculum, das traditionelle Lehrformen (z.B. Vorlesung) mit
neuen Lehrformen (z.B. PBL) vereint.
„Assessment drives learning (teaching)“, d.h., die Art der Prüfung
bestimmt die Art des Lernens. Dies bedeutet, dass die Einführung neuer
Lehrformen notwendigerweise auch die Einführung neuer Prüfungsformen bedingt.
In DIPOL® werden deswegen
zusätzlich zu den traditionellen Prüfungen (mündlich, schriftlich, MCQ
(Multiple Choice Questions)) neue Prüfungsformen angeboten. Dies sind
insbesonders Minifälle, TJE (Triple Jump Exercise), MEQ (Multiple Essay
Question) und OSCE (Objective Structured Clinical Examination). Diesen
Prüfungen ist allen gemeinsam, dass sie in der gleichen Art und Weise Wissen
und Lösungsmöglichkeiten erfragen, wie Studierende es in DIPOL® erlernen. Beim OSCE führen Studierende in
Anwesenheit eines Prüfers ein Gespräch mit einem Patienten, dessen
Patientengeschichte sie kurz zuvor erhalten haben. Sie sollen in diesem
Gespräch zeigen, dass sie in der Lage sind in einer bestimmten Zeit Anamnese,
Diagnose und mögliche Therapiemöglichkeiten durchzuführen. Der Prüfer überprüft
dies anhand einer vorbereiteten standardisierten Checkliste und das Ergebnis
kann mit den Ergebnissen anderer Studierender verglichen werden.
Abb. 4 zeigt das Reformcurriculum DIPOL®, wie es seit dem
Wintersemester 2003/04 angeboten wird. Nach der neuen Approbationsordnung für
Ärzte werden 2 nationale Examen durchgeführt, nach 2 bzw. 6 Studienjahren. In
den ersten beiden Studienjahren werden 4 Module angeboten, in denen die
Studierenden interdisziplinär naturwisssenschaftlich-medizinische Grundlagen
und grundlegende Patienten-bezogene Techniken (Gesprächsführung, körperliche
Untersuchung) erlernen. In den Jahren 3 – 5 werden interdisziplinäre
Blockkurse, Klinische Blockpraktika und andere Lehrveranstaltungen angeboten.
Für das Fach Allgemeinmedizin sind auch Lehrpraxen der Allgemeinmedizin im
Umkreis Dresden mit einbezogen. Das Praktische Jahr können Studierende am Universitätsklinikum,
in Akademischen Lehrkrankenhäusern der TU Dresden oder in anerkannten
Krankenhäusern ihrer Wahl absolvieren.
Hat die Reform des Medizinstudiums in Dresden Auswirkungen auf die
Fakultät, das Universitätsklinikum und das Bibliothekswesen? Die Antwort ist
JA. Die Einführung des Kleingruppenunterrichtes erfordert einen erhöhten Bedarf
an Kleingruppenräumen inklusive
Ausstattung, eine erhöhte Anzahl von Lehrenden und Lehrbüchern, das erhöhte
Selbststudium bedingt zusätzliche Räumlichkeiten (z.B. Leseräume), eine erhöhte
Anzahl von PC Arbeitsplätzen und verlängerte Öffnungszeiten der Bibliothek, der
erhöhte Unterricht am Patienten ist eine Herausforderung an das
Universitätsklinikum. Vieles von diesem ist in den letzten Jahren bereits
realisiert worden. Räumlichkeiten, Lehrpersonal, PC Arbeitsplätze und
Bücherbestand wurde erhöht. Dieses konnte zum Teil nur dezentral realisiert
werden. Ein Lehrgebäude, das all die aufgeführten Notwendigkeiten beinhaltet,
wird deswegen für die Zukunft angestrebt.
Zuletzt muss die Frage aufgeworfen werden, ob dieser enorme Aufwand,
den die DIPOL® Reform mit
sich brachte, gerechtfertigt ist. Die Antwort ist klar JA. Durch die Einführung
dieser Reform zusammen mit der Harvard Medical School hat sich unsere Fakultät in
die weltweit limitierte Anzahl der „Harvard Associated Institution“
eingetragen, der „Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft“ hat unsere
Fakultät aufgrund dieses Programmes zur (einzigen) Medizinischen Reformfakultät
in Deutschland ernannt, die Medizinischen
Fakultät hat von der TU Dresden den Lehrpreis der Universität erhalten, und im
ersten bundesweiten Ranking von Medizinischen Fakultäten, das vom Centrum für
Hochschulentwicklung im April 2003 veröffentlicht wurde, hat die Medizinische
Fakultät Carl Gustav Carus ausschließlich Spitzenplätze in der
Medizinerausbildung erhalten. Als Fazit kann gesagt werden: Wir haben in
Dresden mit der DIPOL® Reform den richtigen Weg eingeschlagen,
müssen aber auch realisieren, dass ein Reformprozess nie zu Ende ist, sondern
einer ständigen Überprüfung und zeitgerechten Anpassung bedarf.
Peter Dieter
Studiendekan
Medizin
Medizinische
Fakultät Carl Gustav Carus
Technische
Universität Dresden
Fetscherstraße 74
D-01307 Dresden
E-Mail: dieter@rcs.urz.tu-dresden.de