Das Pschyrembel® Klinische Wörterbuch

Eine 109-jährige Erfolgsgeschichte

 

Ulrike Lippe, Berlin

 

 

 

Der Pschyrembel ist ein Klassiker und Standardwerk unter den medizinischen Fachbüchern. In einer historischen Annäherung wird beleuchtet, wie das Lexikon zu seinem Namen kam und was es konzeptionell von anderen Wörterbüchern unterscheidet. Dem folgt eine kurze Darstellung der gegenwärtig aktuellen 259. Ausgabe. Welche ambitionierten Pläne für die gerade in Bearbeitung begriffene Neuauflage und die weitere Zukunft des Klinischen Wörterbuches existieren, wird in einem längeren Ausblick erörtert.

 

The Pschyrembel is a classic among medical books. A historical approach shows how the dictionary was named and how the concept differs from other medical dictionaries. This is followed by a short summary of the current 259th edition. Finally, a detailed preview outlines the ambitious plans for the new, revised edition (currently in preparation), as well as for the future of the clinical dictionary.

 

 

 

Historie

Ein Buch, das derzeit in seiner 259. Auflage erhältlich ist, muss schon eine besondere Geschichte vorweisen können. Und in der Tat handelt es sich beim Pschyrembel um ein außergewöhnliches Standardwerk der medizinischen Fachliteratur. Dieser Klassiker hat nicht nur Generationen von Ärzten und anderen im medizinischen Bereich Tätigen durchs Leben begleitet, er steht auch in fast jeder Fernseh- Rundfunk- und Zeitungsredaktion, bei Apothekern, Rechtsanwälten, Versicherungen, medizinischem Fachpersonal sowie in unzähligen privaten Bücherschränken, schlicht überall dort, wo profunde und kompetente Information zu medizinischen Fragen gesucht wird.

Wie kommt das Werk zu diesem ebenso unverwechselbaren wie schwer zu buchstabierendem Namen? Der Berliner Arzt und Universitätsprofessor Willibald Pschyrembel (1901-1987) zeichnete 50 Jahre lang, von 1931 bis 1982, als alleiniger Redakteur und Autor für den Inhalt des Wörterbuches verantwortlich. So dass sein Name fast zwangsläufig zum Synonym des Werkes wurde.

Begonnen hat die Geschichte mit dem Wörterbuch der klinischen Kunstausdrücke, einem 148 Seiten schmalen Büchlein, verfasst von Dr. med. Otto Dornblüth, erschienen 1894. Die zweite Auflage von 1901 führte bereits den Titel, den das Fachlexikon noch heute hat: Klinisches Wörterbuch, damals mit dem Untertitel Die Kunstausdrücke der Medizin. Dornblüths Idee, „die gebräuchlichsten Fremdwörter mit kurzer Angabe der Ableitung und der Bedeutung, die wichtigsten Kunstausdrücke und aus den modernen Sprachen eine Anzahl von Wörtern zusammen[zustellen], die in ihrer medizinischen Bedeutung in den allgemeinen Wörterbüchern nicht vertreten sind“, wurde zum Konzept eines Klinischen Wörterbuches, das eben kein auf Vollständigkeit angelegtes medizinisches Wörterbuch ist: Noch immer basiert die redaktionelle Arbeit darauf, diejenigen Begriffe zu erläutern, die in der Praxis des Mediziners und der Klinik besonders wichtig sind. Pschyrembel betonte dieses Prinzip bereits im Vorwort der im Februar 1932 von ihm herausgegeben 19. Auflage: „Den Fortschritten der medizinischen Wissenschaft entsprechend mußte ... eine größere Zahl kleinerer Änderungen vorgenommen werden. Bei der Auswahl und Anordnung war es oberstes Gesetz, nur unbedingt zuverlässige Angaben zu machen und nur solche, die den praktischen Bedürfnissen der Kliniker dienen.“ Nach Pschyrembels gesetzten Maßstab, sich nicht an der Quantität, sondern der Qualität medizinischer Information zu orientieren, erfolgt noch heute die Eintragsauswahl: Keine Eintagsfliegen, keine abwegigen Theorien, sondern nur gesicherte Daten, die wichtigsten Krankheiten sowie aktuelle Therapien finden Eingang in das Werk.

Ein Verzeichnis von gebräuchlichen und wichtigen Begriffen der Medizin stellt jedoch nur ein Charakteristikum des Klinischen Wörterbuchs dar. Unter der Bearbeitung von Pschyrembel wurde den Begriffen von großer Bedeutung in Klinik und Praxis ein längerer Eintrag zugebilligt, so dass das Wörterbuch in einzelnen Einträgen im Hinblick auf die klinische und praktische Relevanz des Stichworts einen Lehrbuchcharakter annimmt. Diese didaktische Funktion zeigt sich besonders bei Hinweisen zu diagnostischen Verfahren und therapeutischen Prinzipien, oftmals verbunden mit Hinweisen, Warnungen und eingerahmten Merksätzen.

Willibald Pschyrembel, der die Bearbeitung des Wörterbuches sozusagen nebenbei, während seiner klinischen Tätigkeit "zwischen Krankenbett, Laboratorium und Bibliothek" (so in seinem Vorwort zur 23.-36. Ausgabe vermerkt), bewerkstelligen musste, übergab diese Verantwortung nach der 254. Auflage an eine Redaktion. Seitdem erscheint der Pschyrembel alle vier Jahre in einer neuen Ausgabe. Die hohe Auflagenzahl ergibt sich aus der bis in die 50er Jahre praktizierten Mitzählung sämtlicher Nachdrucke als Auflagen. Zukünftig wird sich der Erscheinungszyklus verkürzen und das Buch alle drei Jahre aktualisiert auf den Markt gebracht werden. Parallel dazu wird die CD-ROM, die bereits die letzten drei Ausgaben des Buches flankierte, jährlich neu erscheinen.


Die aktuelle Ausgabe

Die 259. Ausgabe umfasst 1832 Seiten und fast ebenso viele Abbildungen und Tabellen. Mit rund 35000 Stichwörtern, darunter 3000 Neueinträge – unter anderem aus dem Bereich der Molekularmedizin und neuesten Erkenntnissen zu Prionenkrankheiten (Creuzfeldt-Jacob) sowie der Aufnahme aller neuen Medikamente –, ist die Grenze eines machbaren einbändigen Werkes erreicht. Die Neuauswahl der Einträge und die erforderlichen radikalen Kürzungen verantworteten sechs Redakteure. Darüber hinaus waren 120 Spezialisten mit dem Verfassen und Überprüfen der Angaben betraut. Ganze Teilbereiche wurden von bestimmten Universitätskliniken bearbeitet: Die Berliner Charité etwa betreute den Bereich Neurologie, die Universitätsklinik Greifswald die Gynäkologie und die Informationen zum Diabetes wurden in Düsseldorf aufbereitet. Die begleitende CD-ROM-Version der 259. Auflage ermöglicht eine differenzierte Volltextsuche und enthält darüber hinaus 120 Videos sowie ein englisch-deutsches Glossar und ein Abkürzungsverzeichnis als Zugabe.

Die Neuauflage

Die redaktionelle Betreuung des immer komplexer werdenden Lexikons stellt eine hohe Herausforderung dar und erfordert mittlerweile den Einsatz modernster digitaler Technologien. Um das Ziel einer kontinuierlichen Bearbeitung und Aktualisierung des Datenbestandes zu erreichen, arbeitet die jetzige Redaktion mit einer Redaktions- und Publikationsplattform, einem Content Management System (CMS). Die Daten werden darin medienneutral im XML-Format angelegt, das heißt, aus dem CMS kann dann sowohl ein Buch, eine CD-ROM oder eine Online-Anwendung produziert werden. Voraussetzung für die Einführung des Systems war eine Analyse der komplexen Wörterbuchstruktur, aus der dann eine DTD (Document Type Definition) und damit eine strukturierte Texterfassung entwickelt wurde. Über das Textverarbeitungsmuster ist in Zukunft eine flexible Be- und Weiterverarbeitung von Dokumenten möglich, die sich den speziellen Anforderungen des jeweiligen Mediums (Print, CD-ROM, www) anpassen lassen. Somit entfällt die bislang praktizierte getrennte Bearbeitung von Print- und elektronischen Ausgaben. Gleichzeitig werden sämtliche Bilder, Tabellen und Videos in den Text integriert. Der im CMS mögliche schnelle Im- und Export von Daten erleichtert den Redakteuren die Anbindung von Autoren und externen Bearbeitern, indem die Fachartikel als RTF-Dateien mit vorhandenen Abbildungen ohne langwierige Postwege per E-Mail ausgetauscht werden können. Eine weitere Erleichterung für die Bearbeiter durch die Einführung des CMS liegt in der unmittelbaren direkten Kontrolle des Seitenlayouts am Bildschirm.

Um das hochwertige und herausragende Nachschlagewerk in all seinen speziellen Erfordernissen adäquat zu betreuen, ist eine kompetente „Mannschaft“ erforderlich. Zurzeit sind sieben erfahrene Redakteure mit der Auswahl der relevanten Begriffe, dem Verdichten der Informationen und der Organisation der hochkarätigen Bearbeitung der 260. Auflage, die im Herbst 2004 auf den Markt kommen soll, befasst. Es schreiben ausschließlich Autoren, die sich in Wissenschaft und Forschung hervorragend bewährt haben.

Die Zukunft

Derzeit verbindet sich mit dem Pschyrembel im Bewusstsein seiner Zielgruppen vor allem das Klinische Wörterbuch. Doch in Zukunft zielt die Strategie des Verlags darauf, dieses als Kern zu bewahren und unter dem Label eine gesamte Produktfamilie zu präsentieren. Bereits erhältlich sind das Therapeutische Wörterbuch, die Wörterbücher Pschyrembel Naturheilkunde, Pschyrembel Sexualität, Pschyrembel Gynäkologie und Geburtshilfe, Pschyrembel Diabetologie und brandneu das Pschyrembel Wörterbuch Pflege. Sie alle sind den folgenden gemeinsamen Merkmalen verpflichtet:

Vermittlung medizinischen Wissens

Breites Themenspektrum und umfassende Darstellung

Innerhalb der Nachschlagewerke Präsentation von abgeschlossenen Informationseinheiten (im Gegensatz zu Lehrbüchern und Monografien)

Verdichtung der Informationen

Ausstattung und Funktionalität in „high end“ -Qualität

Formale und wissenschaftliche inhaltliche Qualität auf Spitzenniveau

Bereits zu Beginn des Jahres 2004 wird das Klinische Wörterbuch zusammen mit dem Therapeutischen Wörterbuch und dem Wörterbuch Naturheilkunde in einer Online-Datenbank zur Verfügung stehen. Redaktionsziel ist die gemeinsame Nutzung aller Datenbestände der Produktfamilie in einem Datenpool, zuzüglich des „Hunnius“, des Pharmazeutischen Wörterbuches, so dass inhaltlich verwandte Stichwörter aus verschiedenen Wörterbüchern verknüpft und ausgegeben werden können. Durch die Schaffung eines solchen semantischen Netzwerkes ist die Produktion von individualisierten und aktualisierten Inhalten nach Kundenerfordernis schnellstmöglich im gewünschten Medium lieferbar.

Ein Wunsch jedoch muss dabei unerfüllt bleiben: Der eines Pschyrembel in komplett englischer Ausgabe. Grund dafür ist keinesfalls die Scheu des Redaktionsteams vor einer aufwändigen Übersetzung: Vielmehr würde eine englische Ausgabe für die anglo-amerikanischen Zielgruppen eine zweite, selbstständig konzipierende und operierende Redaktion erforderlich machen. Da eine Vielzahl therapeutischer Verfahren, die Zusammensetzung und Dosierung gesamter Medikamentengruppen und nicht zuletzt medizinische Rechtsfragen grundsätzlich anderen Definitionen und Anwendungen unterliegen, lässt sich das Klinische Wörterbuch nicht 1:1 übertragen. Zudem ist der deutsche Klassiker auf dem amerikanischen Markt nur Insidern bekannt. Der Launch des englischen Werkes bedürfte ungeheurer Marketinganstrengungen; dessen Erfolgsaussichten stellen sich auch für einen über 250 Jahre alten, erfolgreichen internationalen Fachverlag wie Walter de Gruyter durch die bereits gut eingeführten Konkurrenzwerke englischsprachiger Verlage mit einem hohen Risiko behaftet dar. Bislang hat man sich dagegen entschieden.

Was in einer englischsprachigen Version wohl verloren ginge, wäre der einzige mit Humor ausgewählte Eintrag, mit dem das seriöse Fachbuch eine größere allgemeine Berühmtheit erlangte. Aus einer Bierlaune heraus schmuggelten die Herausgeber der 255. Ausgabe die „Steinlaus (engl.) stone louse; syn. Petrophaga lorioti“ ins Buch. Natürlich gibt es das „kleinste einheimische Nagetier aus der Familie der Lapivora“ nicht. Es stammt aus der Feder von Loriot, der seine Zustimmung zur Aufnahme des possierlichen Tierchens in das Standardwerk gern und freudig gab – und immer wieder gibt. Von Beginn des ersten Auftretens der Spezies spalteten sich die Lager. Die treuen Fans "erzwangen" die Wiederaufnahme der Laus ins Fachvokabular der 258. Auflage, nachdem die Jubiläumsausgabe zum 100. Bestehen des Werkes wieder ganz im Zeichen medizinischer Ernsthaftigkeit stehen sollte und der Eintrag getilgt worden war. In der aktuellen Redaktion herrscht jetzt Einigkeit darüber, dass die klinische Relevanz unzweifelhaft ist. Denn "zur Erforschung des komplizierten Fortpflanzungszyklus seltener Steinlausarten wird experimentell versucht, diese durch Klonierung* zu vermehren sowie deren Genom in einer Genbibliothek* der Nachwelt zu hinterlassen." (259. Aufl. S. 1582) Es sind bedeutsame neue Erkenntnisse für die 260. Auflage des Pschyrembel zu erwarten.

Der Pschyrembel setzt nicht nur lexikalische und medizinisch-wissenschaftliche Maßstäbe, sondern auch mit seiner dem Erscheinungsalter und der Auflagenzahl angemessenen, exorbitanten Auflagengröße: Fünf bis sechs Millionen Exemplare des Buches sind bisher verkauft worden. Und jährlich kommen ca. 150.000 bis 200.000 Exemplare dazu. Dass auch der Nichtfachmann mittlerweile in dem Buch nachschlägt, das er beim Arzt gesehen hat, liegt zum größten Teil am wachsenden Interesse an medizinischen Themen. Nach einem Arztbesuch etwa möchten immer mehr Patienten die Diagnose des Arztes verstehen. Doch auch Harald Schmidt dürfte zum Bekanntheitsgrad des Werks beigetragen haben. In seiner TV-Show nämlich gehört das Wörterbuch zum Inventar, und regelmäßig schlägt der Fernsehliebling der Nation es auf, um genüsslich "Ekliges" daraus zu zitieren.

Das Klinische Wörterbuch ist seit über 100 Jahren dem nach medizinischem Wissen Suchenden ein verlässlicher Begleiter. Im 21. Jahrhundert angekommen, eröffnen innovative Technologien der Verbreitung des sich alle fünf Jahre verdoppelnden Wissens der Menschheit ungeahnte Möglichkeiten. Den nächsten Generationen von Medizinern wird das Werk, was dem Pfarrer die Bibel ist: Der Pschyrembel das medizinische Buch der Bücher, seine Online-Version(en) die Datenbank der medizinischen Datenbanken.

 

 

Ulrike Lippe

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