Elektronische Bücher in der Bibliothek – Beginn einer Revolution?

 

Oliver Obst, Münster

 

 

In einem gemeinsamen Projekt mit dem Georg Thieme Verlag hat die Zweigbibliothek Medizin eine Reihe von Thieme-Büchern online angeboten. Da dies der erste große Test von elektronischen Büchern in Deutschland darstellte, wurde die Meinung und Informationsbedürfnisse, das Lern- und Ausleihverhalten der Nutzer  untersucht. Es bestätigt sich das Bild, dass Medizinstudenten die Bibliothek hauptsächlich zum Ausleihen von Lehrbüchern aufsuchen, Wissenschaftler dagegen zur Literatursuche und zum Kopieren. Die letztere Klientel nutzt die Bibliothek jedoch bei weitem intensiver über das Internet. Die Erwartungen der Nutzer an eine Online-Bibliothek sind stark ausgeprägt und sehr differenziert. Die ersten Statistiken zeigen eine starke Nutzung der Online-Bücher.

 

 

Einführung

 

Wer hätte dies noch vor ein paar Jahren gedacht: Das Angebot von Online-Zeitschriften ist - speziell bei den an der Spitze der Entwicklung stehenden Medizinbibliotheken - zu einer schieren Selbstverständlichkeit geworden. Wer zum Artikel kopieren noch in die Bibliothek kommt, schreibt gerade ein Buch oder hat etwas verpasst – 95% aller Artikel werden mittlerweile online heruntergeladen.

 

Diese Entwicklung hat sowohl Bibliotheken wie auch ihre Nutzer wie im Sauseschritt überrannt, so dass man wohl ohne Übertreibung von einer Revolution sprechen kann. Diese bleibt nicht etwa im Schatten der gespenstisch leeren Huberschränke stehen, sondern erfasst sogleich das nächstgelegene Medium: Monographien. Nachdem Ovid und Wiley bereits des längeren die Werbetrommel für elektronische Bücher rühren, möchte in diesem Jahr auch der Georg Thieme Verlag seine e-books vermarkten.

 

Werden e-Books für Studierende so wichtig wie e-Journals für Wissenschaftler?

 

Thieme hatte seine Bücher bisher nur dem begrenzten Mitgliederkreis des Onlineforums HOS-Multimedica zugänglich gemacht. Die Zweigbibliothek Medizin der Universität Münster (ZB Med) war daher positiv überrascht, als Thieme seine Online-Bücher anbot. In einem mehr als siebenmonatigem Trial (Jan-Aug 2003) hatte die ZB Med die einmalige Gelegenheit, Akzeptanz, Quantität und Qualität der Nutzung dieser Medienform zu evaluieren.

Parallel zu den Thieme-Büchern wurden 72 englischsprachige Bücher und Enzyklopädien des Wiley-Verlags (Jan-Juni) und 166 Bücher des Aggregators Ovid (Lippincott, McGraw Hill, Oxford University Press) angeboten. Letztere liefen allerdings außer Konkurrenz mit, da für diese nur ein Angebot für die ersten beiden Monate des Jahres erreicht werden konnte. Dieser Zeitraum erschien der ZB Med zu kurz für solide Aussagen.

 

Thieme konnte nicht alle von der Bibliothek gewünschten Titel anbieten. Mit ganz aktuellen (Lehr)Büchern tat sich der Verlag ebenso schwer wie mit der TRIAS-Reihe oder Krankenpflegetiteln. So blieb es bei Werken wie Thieme Collect, Thiemes Innere Medizin, Duale Reihe Pädiatrie und diversen Checklisten von A wie Arzneimittel bis S wie Sonographie.

 

Stellt man alle Testangebote mit den fest lizenzierten Online-Büchern zusammen, dann ist die Menge doch überraschend (Tab. 1): Inklusive der kostenfreien KELDAmed-Titel konnten unsere Nutzer auf insgesamt rund 1.000 Bücher mit 300.000 Seiten zugreifen – wahrlich bereits eine kleine Bibliothek.

 

Titel

Verlag

Bücher

Cancer Handbook

Nature Publishing Press

100 Kapitel

Encyclopedia of Life Sciences

Nature Publishing Press

4.000 Kapitel

Oxford Reference Online

OUP, Sammlung von Fachwörterbüchern und Lexika

120

salerno

Urban & Fischer: Zusammenstellung aus Roche Lexikon Medizin, Zetkin/Schaldach, Gesundheits-Brockhaus, Reihe Klinikleitfaden und Sobotta Atlas der Anatomie

~5

OVID-Collection

OVID: Lippincott, Williams & Wilkins, Oxford University Press und McGraw Hill

166

Thieme-Collection

Georg Thieme Verlag[1]

24

Wiley-Collection

Life & Medical Sciences Library, Encyclopedia of Molecular Medicine and Biology, Current Protocols in Molecular Biology

72

KELDAmed

Kostenfrei im Internet zugängliche Bücher[2]

~613

Summe

 

~1.000

 

 

Fragebogen

Da dies das erste große Angebot von Online-Büchern des Thieme-Verlags an einer medizinischen Hochschule darstellte, wurde eine intensive Begleitung, Bewerbung und Evaluation vereinbart. Zu Beginn des Projekts wurde die Einstellung und die Informationsbedürfnisse der Benutzer untersucht. Mittels einer Online-Umfrage wurden Informationen zur Benutzung des Internets und der ZB Med, zum Lern- und Ausleihverhalten und zu den gewünschten Features eines Online-Buchs erhoben. Des weiteren wurden Nutzungsstatistiken, Ausleih- und Verkaufszahlen erhoben. Mit einem zweiten Fragebogen zu Ende des Projekts soll die Zufriedenheit mit dem Angebot sowie die Art und Weise der Nutzung evaluiert werden.

 

Ergebnisse

92 Antworten konnten ausgewertet werden. Hauptsächlich Medizinstudenten (61%) und Wissenschaftler des Fachbereichs Medizin (30%) füllten den Fragebogen aus, aber auch Studenten und Wissenschaftler nicht medizinischer Fachbereiche und Nichthochschulangehörige (9%). Das Alter der Befragten betrug durchschnittlich 29 Jahre (der jüngste war 19, der älteste 60 Jahre alt). Die Interneterfahrungen waren sehr heterogen: Sie reichten von 1 bis zu 20 Jahren (im Durchschnitt 6 Jahre).

 

Nutzung der Bibliothek

Es wurde zuerst nach der Nutzungsintensität der Medizinbibliothek vor Ort sowie der Bibliothekshomepage gefragt. Bei den Antworten fiel auf, dass die Homepage als Eintrittspforte für die „elektronische Bibliothek“ intensiver genutzt wird als die Bibliothek vor Ort: Nur 4% der Befragten kamen jeden Tag in die Bibliothek, dagegen riefen 15% täglich die Bibliothekshomepage auf. Wie erwartet waren hier deutliche Unterschiede zwischen den Nutzergruppen zu finden: Während nur 5% der Studierenden täglich die Homepage aufsuchten und 32% mehrmals die Woche oder öfter, waren die Wissenschaftler mit 36% resp. 82% wesentlich "Internet-aktiver."

Studierende sind dagegen "Bibliotheks-aktiver": 7% besuchten täglich die Bibliothek vor Ort und 40% mehrmals die Woche oder öfter (von den Wissenschaftlern waren dies nur 0 bzw. 7%). Die Mehrheit der Wissenschaftler (60%) ging einmal im Monat oder seltener zur Bibliothek und jeder Fünfte überhaupt nicht (21%). Dies entspricht den Ergebnissen der INFAS-Studie 2001[3] mit der einen Ausnahme, dass sich seitdem die Nutzung der Bibliotheksressourcen über das Internet deutlich verstärkt hat - sowohl bei Studierenden als auch bei Wissenschaftlern: Gab es 2001 unter den Wissenschaftler noch eine konservative Minorität von 11%, die die Bibliothekshomepage nur einmal im Monat oder seltener nutzen, so war diese nun verschwunden - alle Wissenschaftler nutzen die Bibliothekshomepage mindestens mehrmals im Monat. Bei den Studierenden war die Entwicklung hin zu den Online-Dienstleistungen noch drastischer: Diejenigen 46%, die 2001 die Homepage selten oder gar nicht benutzt hatten, waren dahingeschmolzen wie Schnee in der Frühlingssonne: 2003 waren es nur noch 4%(!), die die Bibliothekshomepage so selten benutzten.

 

Nutzungsgründe

Medizinstudenten nutzten die Bibliothek mit Abstand am häufigsten für Lehrbücher. Fast zwei Drittel (64%) ihrer Tätigkeiten in der Bibliothek war der Ausleihe und Rückgabe von Büchern gewidmet (Abb. 1). Mit großem Abstand folgte das Arbeiten und Lernen (22%), die Literatursuche (14%), die Nutzung der Bibliotheksrechner für Internetrecherchen oder E-Mails, die Bestellung von Fernleihen (9%) und das Kopieren (8%). Vier Studenten gaben an, die Bibliothek zum Zeitschriftenstudium zu benutzen, je einer für die Online-Bücher sowie für Beratungszwecke.

Bei den Wissenschaftlern dominierte die Literatursuche und das Kopieren klar vor der Ausleihe und der Internet-Nutzung.

 

 

Quellen für das Lernen

Die übergroße Mehrheit (87%) lernte traditionell, sie erarbeitete sich den Lernstoff durch ein gedrucktes Lehrbuch. Hierbei gab es keine Unterschiede zwischen Studenten, Wissenschaftlern und Sonstigen. Von diesen traditionell Lernenden benutzten drei Viertel noch weitere Quellen, lediglich ein Viertel vertraute sich ganz allein dem Buch an.

 

Quellen für Lehrbücher

Die wichtigste Quelle für Lehrbücher war für Studenten die Bibliothek (39%), dicht gefolgt vom Neukauf (35%). 12% der Lehrbücher wurden gebraucht gekauft und weitere 7% von Freunden ausgeliehen (Abb. 2). Damit hielt sich die vorübergehende Inbesitznahme durch Leihen (46%) mit der durch Kauf (47%) genau die Waage. Lehrbücher als Geschenk (8%) oder aus sonstigen Quellen (3%) schienen nicht der Hit gewesen zu sein - Prüfungen warten selten bis Weihnachten.

 

Wissenschaftler haben in der Regel genug finanzielle Mittel, um sich selber Lehrbücher zu kaufen (66%), immerhin 19% aller Titel entliehen sie jedoch aus der Zweigbibliothek Medizin. Die übrigen Fälle machten bei dieser Klientel zusammen nur 15% aus.

Drei Antwortende nannten Institutsbibliotheken als Quelle von Lehrbüchern, darunter ein fachfremder Student, ein Nichtwissenschaftler und ein Wissenschaftler.

 

Zufriedenheit mit der Ausleihe

Auf einer Skala von 1 bis 5 (1=sehr zufrieden, 5=sehr unzufrieden) bewerteten Studenten und Wissenschaftler die Einfachheit der Ausleihe am besten (1,4 bzw. 1,6), gefolgt von der Ausleihdauer (2,0 bzw. 2,1). Mit der Qualität, dem Zustand und der Sauberkeit (2,5 bzw. 2,0) sowie der Verfügbarkeit der Bücher (2,4 bzw. 2,0) waren Wissenschaftler deutlich zufriedener als die Studenten -  kein Wunder, sind doch jene nicht so dringend auf Lehrbücher angewiesen wie diese.

 

Online-Lehrbücher

Die Neugier bzw. Offenheit für e-Books ist überwältigend: 92% der Befragten würden gerne ein Online-Lehrbuch benutzen, nur 8% würden darauf verzichten. Auf die Frage „Würden Sie auch die Online-Version eines Buches, das Ihnen bereits zur Verfügung steht, ergänzend mitbenutzen?“ antworteten 82% mit „Ja“ und sahen damit einen deutlichen Mehrwert dieses Mediums. Die spannende Frage lautet nun: Was finden Lernende an Online-Büchern, was ihnen gedruckte Bücher offensichtlich nicht geben können? Die Nachschlag- und Suchfunktion? Die Möglichkeit des Ausdrucks, Downloads und der Weiterverarbeitung (zu mikroskopisch kleinen Spickzetteln)? Keine Rückgabefrist im Nacken zu haben? Diese und weitere Fragen wird hoffentlich der zweite Fragebogen am Projektende beantworten.

 

Notwendige Features

Sowohl Wissenschaftlern wie Studenten war es wichtig, welche „Fähigkeiten“ ein Online-Buch haben sollte – die schlechteste Bewertung war 2,3 (Abb. 3). Sie unterschieden sich interessanterweise nicht im Muster ihrer Wünsche, sondern lediglich in der Intensität: Wissenschaftlern waren diese Eigenschaften durchschnittlich eine fünftel Note wichtiger.

 

 

Erstaunlicherweise waren Layout und Angabe von Internetquellen den Antwortenden am unwichtigsten. Der Link zum Volltext von Referenzen, große, eventuell farbige Grafiken und Tabellen sowie der Wegfall von Mahngebühren waren etwas wichtiger, wurden aber ebenfalls als nicht so notwendig angesehen wie die übrigen Funktionen. Die intensive Verlinkung / Nachschlage- und Wörterbuchfunktion, die ständige Aktualisierung, die Vollständigkeit des Angebots (unter dem Motto: ein Online-Lehrbuch alleine reicht nicht aus), die Volltextsuche und ständige Verfügbarkeit rund um die Uhr wurden mit je 1,5-1,6 als sehr wichtig angesehen. Die beiden am dringendsten desiderierten Funktionen waren jedoch mit 1,2-1,3 die Schnelligkeit des Zugriffs und die Übersichtlichkeit des Angebots / gute Navigation.

 

"Ich erhoffe mir neben dem Lernen aus einem Online-Buch, kurz und vor allem im richtigen Kontext eine präzise Antwort zu finden."

 

Kommentare

Auf die Frage, „Was für Erwartungen haben Sie an eine Online-Bibliothek?“, machten sich 90 der 92 Antwortenden die Mühe teils ausführliche Kommentare abzugeben. Dies zeigt das übergroße Interesse der Antwortenden an diesem neuen Medium. 35-mal wurde die Vollständigkeit der Online-Library angemahnt, 26-mal ihre Aktualität, 23-mal die Verfügbarkeit rund um die Uhr und dies bitte auch von Nicht-Bibliotheksrechnern. 13-mal wurde Schnelligkeit desideriert, 12-mal Einfachheit und gute Strukturierung, 11-mal eine Suchfunktion und 9-mal die Möglichkeit, Seiten herunterladen oder ausdrucken zukönnen.

 

Benutzungsstatistik

Dank eines E-Mailverteilers konnten alle Medizinstudenten zügig über das neue Angebot an Online-Büchern informiert werden. Innerhalb weniger Tage nach Projektbeginn wurde bereits rege auf die Online-Bücher zugegriffen.

 

Um die Nutzungsfrequenz wenigstens ganz grob mit der Printnutzung (=Ausleihe) vergleichen zu können, wurde die Zahl der einzelnen Seiten-Aufrufe durch die Seitenzahl des kompletten Werks geteilt[4]. Im Gegensatz zu den beiden anderen Anbietern von Online-Büchern waren die Zugriffsraten der Thieme-Texte um zwei Größenordnungen höher. Während auf alle 238 Bücher von Wiley-, Lippincott- oder McGraw Hill insgesamt nur 195-mal im Monat zugegriffen wurde, wurden die 24 Thieme-Bücher über 40.000-mal benutzt. Selbst wenn man aufgrund der unterschiedlichen Zählweise von 1.000 Benutzungen ausgeht[5], käme man pro Buch immer noch auf eine 50-fach höhere Nutzung. Es kann vermutet werden, dass Sprache und Art der Bücher (Lehrbücher) eine ausschlaggebende Rolle bei der Nutzungshäufigkeit spielte.

 

Bei den Lehrbüchern stellte die Printnutzung eine lineare Abhängigkeit der Exemplarzahl dar (Abb. 4). Je mehr Exemplare eines Lehrbuches vorhanden waren, desto häufiger wurde dieses ausgeliehen (Korrelation = 0,82). Die Checkliste Chirurgie stand in 16 Kopien zur Verfügung und wurde 141-mal ausgeliehen, während die Checkliste Notfallmedizin mit drei Exemplaren nur 14-mal benutzt wurde und die Checkliste Arzneimittel mit 1 Exemplar nur einmal.

Ganz anders verhielt es sich mit den Online-Büchern. Es gab keine ausgesprochenen Hits oder Nieten - die Nutzung verteilte sich vielmehr recht gleichmäßig. Dies galt auch für diejenigen Titel, die nicht in Print vorhanden waren.

Insgesamt war die Online-Nutzung fast ebenso groß wie die Printnutzung. Während sich die Ausleihzahlen um insgesamt 2,9% steigerten, erhöhten sich die Ausleihen der parallel online angebotenen Titel mit 7,7% sogar noch etwas stärker. Online-Bücher haben offensichtlich nicht in großem Ausmaß dazu geführt, dass auf die entsprechenden Print-Titel verzichtet wurde.

 

 

Resümee

§         Auf welcher Seite steht etwas über Taxol?

§         Was sagt die Wissenschaft zu Thalidomid bei Krebs?

§         Wäre diese Grafik nicht etwas für meinen nächsten Vortrag?

Wie jeder aus leidvoller Erfahrung weiß, lassen sich alle diese Fragen auch mit gedruckten Büchern beantworten, doch Online-Bücher erleichtern die mühevolle Sucharbeit – sie sind auf diese Art von Fragen zugeschnitten. Dieser Mehrwert war es wohl, der zu der deutlichen Nutzung und den registrierten hohen Ansprüchen führte. Da trotzdem weiterhin Print-Titel ausgeliehen wurden, stellen Online-Bücher wohl lediglich einen Zusatznutzen bereit, der gerne en passant mitgenommen wird, ersetzen aber vorerst nicht das Vorgängermedium. In dieser Hinsicht ähneln sie den CD-ROM-Beilagen vieler Titel.

 

Unsere Anfangsfrage, ob e-Books für Studierende bald so wichtig werden wie e-Journals für Wissenschaftler, kann deshalb nur sehr spekulativ beantwortet werden. e-Journals haben innerhalb weniger Jahre die Oberhand über die gedruckten Pendants gewonnen und machen - bis auf einige gedruckte private und Institutszeitschriften - den allergrößten Anteil der gesamten Artikelnutzung aus (Abb. 5). Dagegen wird sich bei den Büchern - börsensprachlich gesehen – erst einmal eine Widerstandslinie bei 25 oder 50% ausbilden.

 

 

Die Größe des Marktanteils wird durch den Mehrwert der Online-Bücher bestimmt. So lange die e-books nicht sehr viel bessere Eigenschaften haben als die gedruckten oder sie komplett ersetzen können (was anscheinend noch nicht der Fall ist), werden sie keinen größeren Marktanteil erreichen können. Das weitere Vordringen von e-Books wird deshalb langsamer sein als bei den e-Journals. Widerstandslinien sind nicht von ewiger Dauer – weder an der Börse noch bei neuen Medien. Sie können bei gesteigerter Attraktivität (neuen Features, Mehrwert und Konkurrenzfähigkeit) nach oben durchbrochen werden, was oft einen kräftigen Anstieg der Marktdurchsetzung nach sich zieht.

 

Das Bild der Bibliothek wird durch die gebundenen Zeitschriftenbände und die kilometerlangen Monographienregale bestimmt. es ist abzusehen, dass in wenigen Jahren die Nutzung der Print-Zeitschriften nur noch 1% derjenigen der Online-Titel ausmachen wird. Die wertvolle Ressource ‚Raum’ muss dann wichtigeren Dingen zur Verfügung gestellt werden. Bei den Büchern ist es ähnlich, aber die Entwicklung wird wesentlich langsamer voranschreiten. Deshalb wird es noch bis weit nach 2010 dauern, bis wir auch darüber nachdenken müssen, wie mit den gedruckten Monographien zu verfahren ist. Vorschläge wie Blitzscanner auf der grünen Wiese wurden bereits gemacht.[6]

 

Sollen jetzt alle gedruckten Bücher gegen ihre elektronischen Versionen austauscht werden? Sicherlich nicht. Aber man möchte den Studenten ja genau das zur Verfügung stellen, was sie haben wollen. Studenten legen Wert auf den Mehrwert der Online-Bücher. Quellen, die schnelles Nachschlagen, quick reference und Suchen in einem größeren Buchbestand ermöglichen, werden immer wichtiger. Dazu trägt sicherlich auch die neue Ausrichtung des Medizinstudiums bei, Stichwort Problem-orientiertes Lernen, die eine neue Art Informationskompetenz voraussetzt - das systematische Aufspüren von Informationsbrocken aus Lehrbüchern, Enzyklopädien und sonstigen Quellen.

 

Die Bibliothek ist im Rahmen ihrer finanziellen Mittel bereit, Forschung und Lehre durch das Angebot von e-books zu unterstützen. Nun ist es an den Verlagen, den Bibliotheken vernünftige Angebote zu unterbreiten, um dieser zukunftsträchtigen Ressource zum Durchbruch zu verhelfen. Dabei wird es ganz zentral auf die Konditionen in den Bereichen Kosten und Archivierung ankommen. Es macht keinen Sinn, einen TIM in Online-Form jedes Jahr neu bezahlen zu müssen, dann aber nach Vertragsende mit leeren Händen dazustehen. Darüber hinaus gilt es zu berücksichtigen, dass Bibliotheken keine großen Einsparungen für e-books erzielen können, da die gedruckten Ausleih-Hits weiterhin in unveränderten Stückzahlen gekauft werden  (müssen). Ähnlich wie die CD-ROM-Beilagen scheinen die Online-Versionen vorerst nur ein zusätzliches aber keinesfalls notwendiges "Schmankerl" zu sein - dies gilt es bei der Preisgestaltung zu bedenken.

 

Dr. Oliver Obst

Zweigbibliothek Medizin

Domagkstr. 9

48149 Münster

Tel.: 025183.58550

E-Mail: obsto@uni-muenster.de

 



[1] Die Liste der Online-Bücher finden Sie unter: http://medweb.uni-muenster.de/zbm/buecher/buecher-volltexte_thieme2003.html

[2] http://www.ma.uni-heidelberg.de/bibl/KELDAmed/

[3] O.Obst "Spitzenbibliothek für Spitzenforschung" In: med information 6(1):1-3 (2002)

[4] Im Januar wurden 9.016 Seiten des TIM aufgerufen. Der TIM hat 2.306 Seiten, neuntausend Aufrufe bedeuten also ca. 4 Aufrufe des gesamten Werks.

[5] Wiley und Ovid zählten die Zugriffe auf die Buchkapitel, Thieme auf die einzelnen Seiten. Ein realistischeres Bild erhält man bei Division der Thieme-Zahl durch eine durchschnittliche Seitenzahl pro Kapitel.

[6] O.Obst "Medienminister Boris Becker droht, die letzte Bibliothek zu schließen. Ein Rückblick aus dem Jahr 2050" Vortrag auf der Tagung der AG Medizinisches Bibliothekswesen, Wien 11.-13. September 2000, Folie 17 [http://www.agmb.de/00_wien/obst/sld017.htm]