In einem
gemeinsamen Projekt mit dem Georg Thieme Verlag hat die Zweigbibliothek Medizin
eine Reihe von Thieme-Büchern online angeboten. Da dies der erste große Test von
elektronischen Büchern in Deutschland darstellte, wurde die Meinung und
Informationsbedürfnisse, das Lern- und Ausleihverhalten der Nutzer untersucht. Es bestätigt sich das Bild, dass
Medizinstudenten die Bibliothek hauptsächlich zum Ausleihen von Lehrbüchern
aufsuchen, Wissenschaftler dagegen zur Literatursuche und zum Kopieren. Die
letztere Klientel nutzt die Bibliothek jedoch bei weitem intensiver über das
Internet. Die Erwartungen der Nutzer an eine Online-Bibliothek sind stark
ausgeprägt und sehr differenziert. Die ersten Statistiken zeigen eine starke
Nutzung der Online-Bücher.
Wer hätte dies
noch vor ein paar Jahren gedacht: Das Angebot von Online-Zeitschriften ist -
speziell bei den an der Spitze der Entwicklung stehenden Medizinbibliotheken -
zu einer schieren Selbstverständlichkeit geworden. Wer zum Artikel kopieren
noch in die Bibliothek kommt, schreibt gerade ein Buch oder hat etwas verpasst
– 95% aller Artikel werden mittlerweile online heruntergeladen.
Diese Entwicklung hat sowohl Bibliotheken wie auch ihre Nutzer wie im
Sauseschritt überrannt, so dass man wohl ohne Übertreibung von einer Revolution
sprechen kann. Diese bleibt nicht etwa im Schatten der gespenstisch leeren
Huberschränke stehen, sondern erfasst sogleich das nächstgelegene Medium:
Monographien. Nachdem Ovid und Wiley bereits des längeren die Werbetrommel für
elektronische Bücher rühren, möchte in diesem Jahr auch der Georg Thieme Verlag
seine e-books vermarkten.
Werden e-Books für Studierende so
wichtig wie e-Journals für Wissenschaftler?
Thieme hatte seine Bücher bisher nur dem begrenzten Mitgliederkreis des
Onlineforums HOS-Multimedica zugänglich gemacht. Die Zweigbibliothek Medizin
der Universität Münster (ZB Med) war daher positiv überrascht, als Thieme seine
Online-Bücher anbot. In einem mehr als siebenmonatigem Trial (Jan-Aug 2003)
hatte die ZB Med die einmalige Gelegenheit, Akzeptanz, Quantität und Qualität
der Nutzung dieser Medienform zu evaluieren.
Parallel zu den Thieme-Büchern wurden 72 englischsprachige Bücher und
Enzyklopädien des Wiley-Verlags (Jan-Juni) und 166 Bücher des Aggregators Ovid
(Lippincott, McGraw Hill, Oxford University Press) angeboten. Letztere liefen
allerdings außer Konkurrenz mit, da für diese nur ein Angebot für die ersten beiden
Monate des Jahres erreicht werden konnte. Dieser Zeitraum erschien der ZB Med
zu kurz für solide Aussagen.
Thieme konnte nicht
alle von der Bibliothek gewünschten Titel anbieten. Mit ganz aktuellen
(Lehr)Büchern tat sich der Verlag ebenso schwer wie mit der TRIAS-Reihe oder
Krankenpflegetiteln. So blieb es bei Werken wie Thieme Collect, Thiemes Innere
Medizin, Duale Reihe Pädiatrie und diversen Checklisten von A wie Arzneimittel
bis S wie Sonographie.
Stellt man alle
Testangebote mit den fest lizenzierten Online-Büchern zusammen, dann ist die
Menge doch überraschend (Tab. 1): Inklusive der kostenfreien KELDAmed-Titel
konnten unsere Nutzer auf insgesamt rund 1.000 Bücher mit 300.000 Seiten
zugreifen – wahrlich bereits eine kleine Bibliothek.
|
Titel |
Verlag |
Bücher |
|
Cancer Handbook |
Nature Publishing Press |
100 Kapitel |
|
Encyclopedia of Life
Sciences |
Nature Publishing Press |
4.000 Kapitel |
|
Oxford Reference Online |
OUP, Sammlung von Fachwörterbüchern und Lexika |
120 |
|
salerno |
Urban & Fischer: Zusammenstellung aus Roche
Lexikon Medizin, Zetkin/Schaldach, Gesundheits-Brockhaus, Reihe
Klinikleitfaden und Sobotta Atlas der Anatomie |
~5 |
|
OVID-Collection |
OVID: Lippincott, Williams
& Wilkins, Oxford University Press und McGraw Hill |
166 |
|
Thieme-Collection |
Georg Thieme Verlag[1] |
24 |
|
Wiley-Collection |
Life & Medical
Sciences Library, Encyclopedia of Molecular Medicine and Biology, Current
Protocols in Molecular Biology |
72 |
|
KELDAmed |
Kostenfrei im Internet zugängliche Bücher[2] |
~613 |
|
Summe |
|
~1.000 |
Da dies das erste
große Angebot von Online-Büchern des Thieme-Verlags an einer medizinischen
Hochschule darstellte, wurde eine intensive Begleitung, Bewerbung und
Evaluation vereinbart. Zu Beginn des Projekts wurde die Einstellung und die
Informationsbedürfnisse der Benutzer untersucht. Mittels einer Online-Umfrage
wurden Informationen zur Benutzung des Internets und der ZB Med, zum Lern- und
Ausleihverhalten und zu den gewünschten Features eines Online-Buchs erhoben.
Des weiteren wurden Nutzungsstatistiken, Ausleih- und Verkaufszahlen erhoben.
Mit einem zweiten Fragebogen zu Ende des Projekts soll die Zufriedenheit mit
dem Angebot sowie die Art und Weise der Nutzung evaluiert werden.
92 Antworten
konnten ausgewertet werden. Hauptsächlich Medizinstudenten (61%) und
Wissenschaftler des Fachbereichs Medizin (30%) füllten den Fragebogen aus, aber
auch Studenten und Wissenschaftler nicht medizinischer Fachbereiche und
Nichthochschulangehörige (9%). Das Alter der Befragten betrug durchschnittlich
29 Jahre (der jüngste war 19, der älteste 60 Jahre alt). Die
Interneterfahrungen waren sehr heterogen: Sie reichten von 1 bis zu 20 Jahren
(im Durchschnitt 6 Jahre).
Es wurde zuerst
nach der Nutzungsintensität der Medizinbibliothek vor Ort sowie der Bibliothekshomepage
gefragt. Bei den Antworten fiel auf, dass die Homepage als Eintrittspforte für
die „elektronische Bibliothek“ intensiver genutzt wird als die Bibliothek vor
Ort: Nur 4% der Befragten kamen jeden Tag in die Bibliothek, dagegen riefen 15%
täglich die Bibliothekshomepage auf. Wie erwartet waren hier deutliche
Unterschiede zwischen den Nutzergruppen zu finden: Während nur 5% der
Studierenden täglich die Homepage aufsuchten und 32% mehrmals die Woche oder
öfter, waren die Wissenschaftler mit 36% resp. 82% wesentlich
"Internet-aktiver."
Studierende sind
dagegen "Bibliotheks-aktiver": 7% besuchten täglich die Bibliothek
vor Ort und 40% mehrmals die Woche oder öfter (von den Wissenschaftlern waren
dies nur 0 bzw. 7%). Die Mehrheit der Wissenschaftler (60%) ging einmal im
Monat oder seltener zur Bibliothek und jeder Fünfte überhaupt nicht (21%). Dies
entspricht den Ergebnissen der INFAS-Studie 2001[3]
mit der einen Ausnahme, dass sich seitdem die Nutzung der Bibliotheksressourcen
über das Internet deutlich verstärkt hat - sowohl bei Studierenden als auch bei
Wissenschaftlern: Gab es 2001 unter den Wissenschaftler noch eine konservative
Minorität von 11%, die die Bibliothekshomepage nur einmal im Monat oder
seltener nutzen, so war diese nun verschwunden - alle Wissenschaftler nutzen
die Bibliothekshomepage mindestens mehrmals im Monat. Bei den Studierenden war
die Entwicklung hin zu den Online-Dienstleistungen noch drastischer: Diejenigen
46%, die 2001 die Homepage selten oder gar nicht benutzt hatten, waren
dahingeschmolzen wie Schnee in der Frühlingssonne: 2003 waren es nur noch
4%(!), die die Bibliothekshomepage so selten benutzten.
Medizinstudenten
nutzten die Bibliothek mit Abstand am häufigsten für Lehrbücher. Fast zwei
Drittel (64%) ihrer Tätigkeiten in der Bibliothek war der Ausleihe und Rückgabe
von Büchern gewidmet (Abb. 1). Mit großem Abstand folgte das Arbeiten und
Lernen (22%), die Literatursuche (14%), die Nutzung der Bibliotheksrechner für
Internetrecherchen oder E-Mails, die Bestellung von Fernleihen (9%) und das
Kopieren (8%). Vier Studenten gaben an, die Bibliothek zum Zeitschriftenstudium
zu benutzen, je einer für die Online-Bücher sowie für Beratungszwecke.
Bei den
Wissenschaftlern dominierte die Literatursuche und das Kopieren klar vor der
Ausleihe und der Internet-Nutzung.

Die übergroße
Mehrheit (87%) lernte traditionell, sie erarbeitete sich den Lernstoff durch
ein gedrucktes Lehrbuch. Hierbei gab es keine Unterschiede zwischen Studenten,
Wissenschaftlern und Sonstigen. Von diesen traditionell Lernenden benutzten
drei Viertel noch weitere Quellen, lediglich ein Viertel vertraute sich ganz
allein dem Buch an.
Die wichtigste
Quelle für Lehrbücher war für Studenten die Bibliothek (39%), dicht gefolgt vom
Neukauf (35%). 12% der Lehrbücher wurden gebraucht gekauft und weitere 7% von
Freunden ausgeliehen (Abb. 2). Damit hielt sich die vorübergehende
Inbesitznahme durch Leihen (46%) mit der durch Kauf (47%) genau die Waage. Lehrbücher
als Geschenk (8%) oder aus sonstigen Quellen (3%) schienen nicht der Hit
gewesen zu sein - Prüfungen warten selten bis Weihnachten.

Wissenschaftler
haben in der Regel genug finanzielle Mittel, um sich selber Lehrbücher zu
kaufen (66%), immerhin 19% aller Titel entliehen sie jedoch aus der
Zweigbibliothek Medizin. Die übrigen Fälle machten bei dieser Klientel zusammen
nur 15% aus.
Drei Antwortende
nannten Institutsbibliotheken als Quelle von Lehrbüchern, darunter ein
fachfremder Student, ein Nichtwissenschaftler und ein Wissenschaftler.
Auf einer Skala von
1 bis 5 (1=sehr zufrieden, 5=sehr unzufrieden) bewerteten Studenten und
Wissenschaftler die Einfachheit der Ausleihe am besten (1,4 bzw. 1,6), gefolgt
von der Ausleihdauer (2,0 bzw. 2,1). Mit der Qualität, dem Zustand und der
Sauberkeit (2,5 bzw. 2,0) sowie der Verfügbarkeit der Bücher (2,4 bzw. 2,0)
waren Wissenschaftler deutlich zufriedener als die Studenten - kein Wunder, sind doch jene nicht so
dringend auf Lehrbücher angewiesen wie diese.
Die Neugier bzw.
Offenheit für e-Books ist überwältigend: 92% der Befragten würden gerne ein
Online-Lehrbuch benutzen, nur 8% würden darauf verzichten. Auf die Frage
„Würden Sie auch die Online-Version eines Buches, das Ihnen bereits zur
Verfügung steht, ergänzend mitbenutzen?“ antworteten 82% mit „Ja“ und sahen
damit einen deutlichen Mehrwert dieses Mediums. Die spannende Frage lautet nun:
Was finden Lernende an Online-Büchern, was ihnen gedruckte Bücher offensichtlich
nicht geben können? Die Nachschlag- und Suchfunktion? Die Möglichkeit des
Ausdrucks, Downloads und der Weiterverarbeitung (zu mikroskopisch kleinen
Spickzetteln)? Keine Rückgabefrist im Nacken zu haben? Diese und weitere Fragen
wird hoffentlich der zweite Fragebogen am Projektende beantworten.
Notwendige
Features
Sowohl Wissenschaftlern wie Studenten war es
wichtig, welche „Fähigkeiten“ ein Online-Buch haben sollte – die schlechteste
Bewertung war 2,3 (Abb. 3). Sie unterschieden sich interessanterweise nicht im
Muster ihrer Wünsche, sondern lediglich in der Intensität: Wissenschaftlern
waren diese Eigenschaften durchschnittlich eine fünftel Note wichtiger.

Erstaunlicherweise
waren Layout und Angabe von Internetquellen den Antwortenden am unwichtigsten.
Der Link zum Volltext von Referenzen, große, eventuell farbige Grafiken und
Tabellen sowie der Wegfall von Mahngebühren waren etwas wichtiger, wurden aber
ebenfalls als nicht so notwendig angesehen wie die übrigen Funktionen. Die
intensive Verlinkung / Nachschlage- und Wörterbuchfunktion, die ständige
Aktualisierung, die Vollständigkeit des Angebots (unter dem Motto: ein
Online-Lehrbuch alleine reicht nicht aus), die Volltextsuche und ständige
Verfügbarkeit rund um die Uhr wurden mit je 1,5-1,6 als sehr wichtig angesehen.
Die beiden am dringendsten desiderierten Funktionen waren jedoch mit 1,2-1,3
die Schnelligkeit des Zugriffs und die Übersichtlichkeit des Angebots / gute
Navigation.
"Ich
erhoffe mir neben dem Lernen aus einem Online-Buch, kurz und vor allem im
richtigen Kontext eine präzise Antwort zu finden."
Auf die Frage, „Was
für Erwartungen haben Sie an eine Online-Bibliothek?“, machten sich 90 der 92
Antwortenden die Mühe teils ausführliche Kommentare abzugeben. Dies zeigt das
übergroße Interesse der Antwortenden an diesem neuen Medium. 35-mal wurde die
Vollständigkeit der Online-Library angemahnt, 26-mal ihre Aktualität, 23-mal
die Verfügbarkeit rund um die Uhr und dies bitte auch von
Nicht-Bibliotheksrechnern. 13-mal wurde Schnelligkeit desideriert, 12-mal
Einfachheit und gute Strukturierung, 11-mal eine Suchfunktion und 9-mal die
Möglichkeit, Seiten herunterladen oder ausdrucken zukönnen.
Dank eines
E-Mailverteilers konnten alle Medizinstudenten zügig über das neue Angebot an
Online-Büchern informiert werden. Innerhalb weniger Tage nach Projektbeginn
wurde bereits rege auf die Online-Bücher zugegriffen.
Um die
Nutzungsfrequenz wenigstens ganz grob mit der Printnutzung (=Ausleihe)
vergleichen zu können, wurde die Zahl der einzelnen Seiten-Aufrufe durch die
Seitenzahl des kompletten Werks geteilt[4].
Im Gegensatz zu den beiden anderen Anbietern von Online-Büchern waren die
Zugriffsraten der Thieme-Texte um zwei Größenordnungen höher. Während auf alle
238 Bücher von Wiley-, Lippincott- oder McGraw Hill insgesamt nur 195-mal im
Monat zugegriffen wurde, wurden die 24 Thieme-Bücher über 40.000-mal benutzt.
Selbst wenn man aufgrund der unterschiedlichen Zählweise von 1.000 Benutzungen
ausgeht[5],
käme man pro Buch immer noch auf eine 50-fach höhere Nutzung. Es kann vermutet
werden, dass Sprache und Art der Bücher (Lehrbücher) eine ausschlaggebende
Rolle bei der Nutzungshäufigkeit spielte.
Bei den Lehrbüchern
stellte die Printnutzung eine lineare Abhängigkeit der Exemplarzahl dar (Abb.
4). Je mehr Exemplare eines Lehrbuches vorhanden waren, desto häufiger wurde
dieses ausgeliehen (Korrelation = 0,82). Die Checkliste Chirurgie stand in 16
Kopien zur Verfügung und wurde 141-mal ausgeliehen, während die Checkliste Notfallmedizin
mit drei Exemplaren nur 14-mal benutzt wurde und die Checkliste Arzneimittel
mit 1 Exemplar nur einmal.
Ganz anders
verhielt es sich mit den Online-Büchern. Es gab keine ausgesprochenen Hits oder
Nieten - die Nutzung verteilte sich vielmehr recht gleichmäßig. Dies galt auch
für diejenigen Titel, die nicht in Print vorhanden waren.
Insgesamt war die
Online-Nutzung fast ebenso groß wie die Printnutzung. Während sich die
Ausleihzahlen um insgesamt 2,9% steigerten, erhöhten sich die Ausleihen der parallel
online angebotenen Titel mit 7,7% sogar noch etwas stärker. Online-Bücher haben
offensichtlich nicht in großem Ausmaß dazu geführt, dass auf die entsprechenden
Print-Titel verzichtet wurde.

§
Auf welcher
Seite steht etwas über Taxol?
§
Was sagt die
Wissenschaft zu Thalidomid bei Krebs?
§
Wäre diese
Grafik nicht etwas für meinen nächsten Vortrag?
Wie jeder aus
leidvoller Erfahrung weiß, lassen sich alle diese Fragen auch mit gedruckten
Büchern beantworten, doch Online-Bücher erleichtern die mühevolle Sucharbeit –
sie sind auf diese Art von Fragen zugeschnitten. Dieser Mehrwert war es wohl,
der zu der deutlichen Nutzung und den registrierten hohen Ansprüchen führte. Da
trotzdem weiterhin Print-Titel ausgeliehen wurden, stellen Online-Bücher wohl lediglich
einen Zusatznutzen bereit, der gerne en passant mitgenommen wird, ersetzen aber
vorerst nicht das Vorgängermedium. In dieser Hinsicht ähneln sie den
CD-ROM-Beilagen vieler Titel.
Unsere
Anfangsfrage, ob e-Books für Studierende bald so wichtig werden wie e-Journals
für Wissenschaftler, kann deshalb nur sehr spekulativ beantwortet werden.
e-Journals haben innerhalb weniger Jahre die Oberhand über die gedruckten
Pendants gewonnen und machen - bis auf einige gedruckte private und
Institutszeitschriften - den allergrößten Anteil der gesamten Artikelnutzung
aus (Abb. 5). Dagegen wird sich bei den Büchern - börsensprachlich gesehen –
erst einmal eine Widerstandslinie bei 25 oder 50% ausbilden.

Die Größe des
Marktanteils wird durch den Mehrwert der Online-Bücher bestimmt. So lange die
e-books nicht sehr viel bessere Eigenschaften haben als die gedruckten oder sie
komplett ersetzen können (was anscheinend noch nicht der Fall ist), werden sie
keinen größeren Marktanteil erreichen können. Das weitere Vordringen von
e-Books wird deshalb langsamer sein als bei den e-Journals. Widerstandslinien sind nicht von ewiger Dauer – weder an
der Börse noch bei neuen Medien. Sie können bei gesteigerter Attraktivität
(neuen Features, Mehrwert und Konkurrenzfähigkeit) nach oben durchbrochen
werden, was oft einen kräftigen Anstieg der Marktdurchsetzung nach sich zieht.
Das Bild der
Bibliothek wird durch die gebundenen Zeitschriftenbände und die kilometerlangen
Monographienregale bestimmt. es ist abzusehen, dass in wenigen Jahren die
Nutzung der Print-Zeitschriften nur noch 1% derjenigen der Online-Titel
ausmachen wird. Die wertvolle Ressource ‚Raum’ muss dann wichtigeren Dingen zur
Verfügung gestellt werden. Bei den Büchern ist es ähnlich, aber die Entwicklung
wird wesentlich langsamer voranschreiten. Deshalb wird es noch bis weit nach
2010 dauern, bis wir auch darüber nachdenken müssen, wie mit den gedruckten
Monographien zu verfahren ist. Vorschläge wie Blitzscanner auf der grünen Wiese
wurden bereits gemacht.[6]
Sollen jetzt alle
gedruckten Bücher gegen ihre elektronischen Versionen austauscht werden?
Sicherlich nicht. Aber man möchte den Studenten ja genau das zur Verfügung
stellen, was sie haben wollen. Studenten legen Wert auf den Mehrwert der
Online-Bücher. Quellen, die schnelles Nachschlagen, quick reference und Suchen
in einem größeren Buchbestand ermöglichen, werden immer wichtiger. Dazu trägt
sicherlich auch die neue Ausrichtung des Medizinstudiums bei, Stichwort
Problem-orientiertes Lernen, die eine neue Art Informationskompetenz
voraussetzt - das systematische Aufspüren von Informationsbrocken aus
Lehrbüchern, Enzyklopädien und sonstigen Quellen.
Die Bibliothek ist
im Rahmen ihrer finanziellen Mittel bereit, Forschung und Lehre durch das
Angebot von e-books zu unterstützen. Nun ist es an den Verlagen, den
Bibliotheken vernünftige Angebote zu unterbreiten, um dieser zukunftsträchtigen
Ressource zum Durchbruch zu verhelfen. Dabei wird es ganz zentral auf die
Konditionen in den Bereichen Kosten und Archivierung ankommen. Es macht keinen
Sinn, einen TIM in Online-Form jedes Jahr neu bezahlen zu müssen, dann aber
nach Vertragsende mit leeren Händen dazustehen. Darüber hinaus gilt es zu
berücksichtigen, dass Bibliotheken keine großen Einsparungen für e-books
erzielen können, da die gedruckten Ausleih-Hits weiterhin in unveränderten
Stückzahlen gekauft werden (müssen).
Ähnlich wie die CD-ROM-Beilagen scheinen die Online-Versionen vorerst nur ein
zusätzliches aber keinesfalls notwendiges "Schmankerl" zu sein - dies
gilt es bei der Preisgestaltung zu bedenken.
Dr. Oliver Obst
Zweigbibliothek
Medizin
Domagkstr. 9
48149 Münster
Tel.: 025183.58550
E-Mail:
obsto@uni-muenster.de
[1] Die Liste der Online-Bücher finden Sie unter: http://medweb.uni-muenster.de/zbm/buecher/buecher-volltexte_thieme2003.html
[2] http://www.ma.uni-heidelberg.de/bibl/KELDAmed/
[3] O.Obst "Spitzenbibliothek für Spitzenforschung" In: med information 6(1):1-3 (2002)
[4] Im Januar wurden 9.016 Seiten des TIM aufgerufen. Der TIM hat 2.306 Seiten, neuntausend Aufrufe bedeuten also ca. 4 Aufrufe des gesamten Werks.
[5] Wiley und Ovid zählten die Zugriffe auf die Buchkapitel, Thieme auf die einzelnen Seiten. Ein realistischeres Bild erhält man bei Division der Thieme-Zahl durch eine durchschnittliche Seitenzahl pro Kapitel.
[6] O.Obst "Medienminister Boris Becker droht, die letzte Bibliothek zu schließen. Ein Rückblick aus dem Jahr 2050" Vortrag auf der Tagung der AG Medizinisches Bibliothekswesen, Wien 11.-13. September 2000, Folie 17 [http://www.agmb.de/00_wien/obst/sld017.htm]