Bewertung des Modellversuchs zwischen Georg Thieme Verlag und medizinischer Bibliothek Münster aus Verlagssicht

 

Sigrid Lesch, Stuttgart

 

 

Es ist noch nicht lange her, dass die Eins zu Eins-Umsetzung von vorhandenen Büchern für den Online-Zugriff mit großer Kritik bedacht wurde. Nicht interaktiv, nicht multimedial, wo bleibt da der Mehrwert? So war der Tenor der kritischen Stimmen, die allerdings in den seltensten Fällen von tatsächlichen Nutzern stammten. Befragt man diese, wie z.B. jetzt in Münster, so erfährt man, dass es dem Nutzer von Online-Fachinformationen auch aus Büchern vor allem auf schnelles Nachschlagen und Finden sowie auf Suchen über Werkgrenzen hinweg ankommt. Hier bietet die elektronische Version einen eindeutigen Vorteil gegenüber dem Printmedium. Für das Lesen längerer Sequenzen ist aber Papier und damit das gedruckte Buch immer noch das bessere Interface. Auch wir im Thieme Verlag gehen also davon aus, dass die Nutzung von elektronischen und gedruckten Versionen bei Büchern noch lange parallel laufen wird. Ein klassisches Medizinlehrbuch mit seinen nach didaktischen Gesichtspunkten erstellten Inhalten und Darstellungsformen wird seine wichtige Rolle beim Erwerb von medizinischem Wissen auch in Zukunft behalten. Aber: Das schnelle Recherchieren und Zusammentragen unterschiedlicher Informationseinheiten ist nicht nur für die Lösung wissenschaftlicher Fragen und in der täglichen Praxis immer wichtiger geworden, sondern auch für neue Lernformen im Medizinstudium, wie sie gerade auch im Zuge der neuen AO in Deutschland entwickelt werden. Die Auswertung der Nutzerbefragung in dem im Beitrag von Herrn Dr. Obst beschriebenen Modellversuch des Thieme Verlags mit der medizinischen Bibliothek Münster ist zwar noch nicht abgeschlossen. Die bis jetzt vorliegenden Antworten zeigen aber schon jetzt diese parallele Nutzung. Der Zugriff auf elektronische Fassung und Buch erfolgt ergänzend. Der Nutzer weiß die jeweiligen medienspezifischen Besonderheiten je nach Informationsbedarf sinnvoll zu nutzen.

Der Modellversuch hat auch ergeben, dass es hinsichtlich der Navigation in der elektronischen Buchbibliothek noch Optimierungsbedarf gibt. Eine stärkere Verlinkung, insbesondere auch werkübergreifend mit anderen Büchern oder auch Zeitschriften, wie sie von Nutzern gewünscht wird, stellt aber noch eine große Herausforderung dar. Moderne Softwarewerkzeuge reichen hier nicht aus, sondern dies ist eine redaktionell aufwändige Aufgabe. Wünschenswert für den Nutzer ist auch der Zugriff auf das digitale Gesamtangebot eines Verlages - Bücher, Zeitschriften, genuin digital erstellte Informationen usw. - über eine einheitliche Nutzeroberfläche. Dies umzusetzen halten auch wir langfristig gesehen für sinnvoll. Hierfür müssen wir aber erst noch mehr über die Informationsbedürfnisse und das tatsächliche Informationsverhalten unserer Zielgruppen lernen.

In Münster haben wir bewusst einen Teil der Werke im PDF-Format, den anderen im HTML-Format angeboten, einige wenige Werke parallel in beiden Formaten. Die bisherigen Zugriffszahlen scheinen auf eine etwas stärkere Nutzung der HTML-Versionen hinzudeuten. Der Aufwand einer benutzerfreundlichen Darstellung im HTML-Format ist aber immens und übersteigt den bei Zeitschriftenartikeln anfallenden beträchtlich. Insbesondere bei Büchern mit komplexen Strukturen, die aus didaktischen Gründen notwendig sind, ist eine automatische Konvertierung in eine nutzbare HTML-Version nur sehr eingeschränkt möglich. Wie andere Verlage werden auch wir uns deshalb in Zukunft zunächst auf das PDF-Format konzentrieren.

Einen negativen Aspekt, der sich im Rahmen des Modellversuchs in Münster ergeben hat, möchte ich nicht unerwähnt lassen. Leider haben wir feststellen müssen, das einige Nutzer Gesamtdownloads von Werken vorgenommen bzw. versucht haben. Und dies, obwohl die Nutzer intensiv auf die Lizenzbedingungen hingewiesen wurden. Bisher konnten wir keinen Austausch/Handel mit den entsprechenden digitalen Werken feststellen. Wir wissen aber aus anderen Fällen, dass dies zumindest nicht auszuschließen ist. Sollten wir hier Missbrauch erkennen, würde das für digitale Buchbibliotheken natürlich Konsequenzen haben.

Dennoch: Der Thieme Verlag ist sehr daran interessiert, seine Bücher digital im Volltext auch über Bibliotheken anzubieten. Der Modellversuch mit der medizinischen Bibliothek in Münster war hier nur der erste Schritt. Wir sind gerade dabei, ein größeres Paket an Werken zu schnüren, das wir dann mit entsprechenden Lizenzmodellen anbieten werden. Darin werden wir versuchen, auch dem Wunsch der Bibliotheken nach einem fortdauernden Angebot auch nach Beendigung eines Lizenzvertrages nachzukommen, dies aber sicher mit zeitlicher Limitierung. Mit elektronischen Medien haben sich nicht nur Informationsverhalten, Darstellungsformen sondern auch Bezahlmodelle geändert. Eine Lizenzierung digitaler Inhalte unterliegt anderen Bedingungen als der Kauf von Büchern. Aber ich bin sicher, dass auch unter diesen Bedingungen konstruktive Verhandlungen zwischen Verlag und Bibliotheken möglich sein werden und damit Bibliotheksnutzer in der Breite auf digitale Bücher zugreifen können.

 

Sigrid Lesch

Leitung Online/Elektronische Medien

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