Es ist noch nicht lange
her, dass die Eins zu Eins-Umsetzung von vorhandenen Büchern für den
Online-Zugriff mit großer Kritik bedacht wurde. Nicht interaktiv, nicht
multimedial, wo bleibt da der Mehrwert? So war der Tenor der kritischen
Stimmen, die allerdings in den seltensten Fällen von tatsächlichen Nutzern
stammten. Befragt man diese, wie z.B. jetzt in Münster, so erfährt man, dass es
dem Nutzer von Online-Fachinformationen auch aus Büchern vor allem auf
schnelles Nachschlagen und Finden sowie auf Suchen über Werkgrenzen hinweg
ankommt. Hier bietet die elektronische Version einen eindeutigen Vorteil
gegenüber dem Printmedium. Für das Lesen längerer Sequenzen ist aber Papier und
damit das gedruckte Buch immer noch das bessere Interface. Auch wir im Thieme
Verlag gehen also davon aus, dass die Nutzung von elektronischen und gedruckten
Versionen bei Büchern noch lange parallel laufen wird. Ein klassisches
Medizinlehrbuch mit seinen nach didaktischen Gesichtspunkten erstellten
Inhalten und Darstellungsformen wird seine wichtige Rolle beim Erwerb von
medizinischem Wissen auch in Zukunft behalten. Aber: Das schnelle Recherchieren
und Zusammentragen unterschiedlicher Informationseinheiten ist nicht nur für
die Lösung wissenschaftlicher Fragen und in der täglichen Praxis immer
wichtiger geworden, sondern auch für neue Lernformen im Medizinstudium, wie sie
gerade auch im Zuge der neuen AO in Deutschland entwickelt werden. Die
Auswertung der Nutzerbefragung in dem im Beitrag von Herrn Dr. Obst
beschriebenen Modellversuch des Thieme Verlags mit der medizinischen Bibliothek
Münster ist zwar noch nicht abgeschlossen. Die bis jetzt vorliegenden Antworten
zeigen aber schon jetzt diese parallele Nutzung. Der Zugriff auf elektronische
Fassung und Buch erfolgt ergänzend. Der Nutzer weiß die jeweiligen
medienspezifischen Besonderheiten je nach Informationsbedarf sinnvoll zu
nutzen.
Der Modellversuch hat
auch ergeben, dass es hinsichtlich der Navigation in der elektronischen
Buchbibliothek noch Optimierungsbedarf gibt. Eine stärkere Verlinkung,
insbesondere auch werkübergreifend mit anderen Büchern oder auch Zeitschriften,
wie sie von Nutzern gewünscht wird, stellt aber noch eine große Herausforderung
dar. Moderne Softwarewerkzeuge reichen hier nicht aus, sondern dies ist eine
redaktionell aufwändige Aufgabe. Wünschenswert für den Nutzer ist auch der
Zugriff auf das digitale Gesamtangebot eines Verlages - Bücher, Zeitschriften,
genuin digital erstellte Informationen usw. - über eine einheitliche
Nutzeroberfläche. Dies umzusetzen halten auch wir langfristig gesehen für
sinnvoll. Hierfür müssen wir aber erst noch mehr über die Informationsbedürfnisse
und das tatsächliche Informationsverhalten unserer Zielgruppen lernen.
In Münster haben wir
bewusst einen Teil der Werke im PDF-Format, den anderen im HTML-Format
angeboten, einige wenige Werke parallel in beiden Formaten. Die bisherigen
Zugriffszahlen scheinen auf eine etwas stärkere Nutzung der HTML-Versionen
hinzudeuten. Der Aufwand einer benutzerfreundlichen Darstellung im HTML-Format
ist aber immens und übersteigt den bei Zeitschriftenartikeln anfallenden
beträchtlich. Insbesondere bei Büchern mit komplexen Strukturen, die aus
didaktischen Gründen notwendig sind, ist eine automatische Konvertierung in
eine nutzbare HTML-Version nur sehr eingeschränkt möglich. Wie andere Verlage
werden auch wir uns deshalb in Zukunft zunächst auf das PDF-Format konzentrieren.
Einen negativen Aspekt,
der sich im Rahmen des Modellversuchs in Münster ergeben hat, möchte ich nicht
unerwähnt lassen. Leider haben wir feststellen müssen, das einige Nutzer
Gesamtdownloads von Werken vorgenommen bzw. versucht haben. Und dies, obwohl
die Nutzer intensiv auf die Lizenzbedingungen hingewiesen wurden. Bisher
konnten wir keinen Austausch/Handel mit den entsprechenden digitalen Werken
feststellen. Wir wissen aber aus anderen Fällen, dass dies zumindest nicht
auszuschließen ist. Sollten wir hier Missbrauch erkennen, würde das für
digitale Buchbibliotheken natürlich Konsequenzen haben.
Dennoch: Der Thieme
Verlag ist sehr daran interessiert, seine Bücher digital im Volltext auch über
Bibliotheken anzubieten. Der Modellversuch mit der medizinischen Bibliothek in
Münster war hier nur der erste Schritt. Wir sind gerade dabei, ein größeres
Paket an Werken zu schnüren, das wir dann mit entsprechenden Lizenzmodellen
anbieten werden. Darin werden wir versuchen, auch dem Wunsch der Bibliotheken nach
einem fortdauernden Angebot auch nach Beendigung eines Lizenzvertrages
nachzukommen, dies aber sicher mit zeitlicher Limitierung. Mit elektronischen
Medien haben sich nicht nur Informationsverhalten, Darstellungsformen sondern
auch Bezahlmodelle geändert. Eine Lizenzierung digitaler Inhalte unterliegt
anderen Bedingungen als der Kauf von Büchern. Aber ich bin sicher, dass auch
unter diesen Bedingungen konstruktive Verhandlungen zwischen Verlag und
Bibliotheken möglich sein werden und damit Bibliotheksnutzer in der Breite auf
digitale Bücher zugreifen können.
Sigrid Lesch
Leitung
Online/Elektronische Medien
Georg Thieme Verlag KG
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