Nachdem alle realisiert haben, dass das
papierlose Büro vermutlich nicht kommt, können wir auch mit etwas Ernüchterung
feststellen, dass das E-Book auf dem besten Weg ist, ein NIE-Book zu werden!
Im Januar diesen Jahres hat unsere Bibliothek
zu Demonstrations- und Ausstellungszwecken ein eBook GEB 2200 (Gemstar)
erworben. Das Lesegerät wurde im vergangenen Jahr von der Zeitschrift c’t als
zur Zeit bestes E-Book gepriesen. Es kostet EUR 650.00 und wird mit Lederdeckel
geliefert (Unterseite Kunststoff).
Die Inbetriebnahme war nicht
problemlos. Das Manual musste zuerst über das Netz runtergeladen werden, aber
genau diese Verbindung funktionierte nicht! Schliesslich gelang der Kontakt zum
Online-Bookshop. Den Anspruch, im Internet-Katalog einen Titel zu finden, der
in das Sammelprofil der ETH-Bibliothek passt, musste ich schnell aufgeben. Auch
die Recherche nach Büchern, die für ein Demonstrationsgerät passend waren,
gestaltete sich als schwieriger als erwartet. Neben den Klassikern, die ja auch
kostenlos im Internet zugänglich sind, war wenig an auch nur halbwegs seriöser
Literatur im Angebot. Farbabbildungen waren durchaus erwünscht, jedoch auch
hier nur mit Niveau!
Nach längerer Recherche kaufte ich
sechs Bücher – natürlich mit Kreditkarte. Nach Abholen von vier Titeln war der
Speicher des Lesegerätes voll. Die anderen zwei musste ich vorübergehend im
Online-Bookshop stehen lassen. Da mir keines der sechs Bücher je verrechnet
worden ist, hat mich dieser Umstand nicht sonderlich gestört.
Dass das eBook GEB 2200 den Durchbruch
nicht schaffen würde, war mir bald klar! Zuerst zog sich die Firma Gemstar aus
dem europäischen Markt zurück; kurz danach kündigte das Unternehmen das
Einstellen sämtlicher Geschäftaktivitäten weltweit an. Käuferinnen und Käufer
von Gemstar E-Book Lesegeräten wurden darauf hingewiesen, dass „the Gemstar
eBookstore is permanently terminating the sale of content for Gemstar eBooks at
5pm PST on July 16, 2003”. Für den Einkauf von Lesestoff für die Sommerferien
reichte es zwar noch, aber dann war endgültig Schluss!
In Erinnerung bleibt mir vor allem die
Diskrepanz zwischen dem auf der einen Seite hohen Kaufpreis des Lesegerätes und
dem auf der anderen Seite anspruchslosem Inhalt: Taschenbuchlektüre im
Ledereinband. Schund im Ballkleid.
Mässig erfolgreicher scheinen die
Online-Bücher mit wissenschaftlichem Inhalt zu sein. Wissenschaftler und
Studierende schätzen die Möglichkeit, über das Internet direkt auf ausgewählte
Buchkapitel zugreifen zu können. Beobachtet man die Angebote auf dem Markt, so
dürfte es meiner Meinung nach lediglich eine Frage der Zeit sein, bis alle
Wissenschaftsverlage zumindest Teile ihrer Produktion online zur Verfügung
stellen. Ähnlich wie bei den elektronischen Zeitschriften werden auch hier die
STM-Verlage führend sein. Wie im Falle der elektronischen Zeitschriften muss
eine Bibliothek jedoch erst einmal eine kritische Zahl an Online-Büchern
anbieten (und auch umfassend erschliessen), bevor das neue Angebot wirklich
wahrgenommen wird und sich durchsetzen kann.
Schade eigentlich, dass das E-Book so
wenig Erfolg hat. Denn die Idee ist eigentlich genial! Übrigens hatte ich vor
einigen Monaten, die Gelegenheit zum ersten Mal einen E-Book-Leser im Flugzeug
zu beobachten. Hier wurde sofort ein weiterer Vorteil des neuen Mediums klar:
die Umwelt kann nicht erkennen, was man liest! Trittbrettleser werden so sehr
wirkungsvoll und nachhaltig ausgeschaltet.
Prof. Dr. Alice Keller
ETH-Bibliothek
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